Wochenimpuls zum 2.Fastensonntag

von Pastoralassistent Thomas Jehle

„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“. (Röm 11,18)   – „Tag des Judentums“

Wer in Zürich lebt, dem sind sicherlich am Schabbat, der am Freitagabend beginnt und am Samstagabend endet, einmal festlich gekleidete jüdische Mitbürger auf dem Weg zu ihrer Synagoge begegnet. Es ist für mich eine der wenigen Orte in Europa, wo mir das bis jetzt so aufgefallen ist. Denn durch die Schoah, Weltkrieg und Auswanderung ist jüdisches Leben in weiten Teilen Europas immer weniger präsent geworden und wirkt dadurch auch fast etwas exotisch. Ganz anders ist es in den USA oder natürlich in Israel, wo ich für einige Zeit leben durfte und das Judentum die Mehrheitsreligion darstellt. Es prägt dort das alltägliche Leben, der Kalender mit seinen Festtagen und Jüdisch-Sein ist Normalität – ich als Christ gehöre einer Minderheit an. Dieser Wechsel des Blickwinkels kann interessant und heilsam sein und ein neues Verständnis und Wertschätzung für die Situation hier ermöglichen.

Doch nicht nur individuell ist das wichtig, sondern auch für Kollektive, unsere Gesellschaft und die Kirche etwa, welche im Zweiten Vatikanischen Konzil eine Wende bzw. Neubestimmung in ihrem Verhältnis zum Judentum einleitete. „Nostra Aetate“ heißt die epochemachende Erklärung des Jahres 1965, mit welcher die katholische Kirche erstmals offiziell in einen ehrlichen Dialog des gegenseitigen Verstehens, der Achtung und Anerkennung mit den nichtchristlichen Religionen und besonders dem Judentum eintritt. Dabei handelt es sich bei letzterem nicht um irgendeinen Gesprächspartner, sondern wie Papst Johannes Paul II in seiner Ansprache in der Synagoge von Rom 1986 präzisierte:

„Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas »Äußerliches«, sondern gehört in gewisser Weise zum »Inneren« unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“. (JOHANNES PAUL II. 13. April 1986)

Um daran anzuknüpfen und diese tiefe religiöse und historische Verbundenheit von Judentum und Christentum in Vergangenheit und Gegenwart ins Bewusstsein zu rufen wird seit zehn Jahren, auf Initiative der Jüdisch-Römisch-katholischen Gesprächskommission (JRGK) der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) am zweiten Fastensonntag der «Tag des Judentums» begangen.

Wo eine starke Verbindung augenfällig wird, ist unsere Liturgie. Die erste Lesung und der darauffolgende Psalm im Sonntagsgottesdienst ist jeweils dem Alten Testament entnommen, das ist nichts anders als die „jüdische Bibel“, der sogenannte Tanach, mit der Torah (die fünf Bücher Mose), die Prophetenbücher und den Schriften. Es ist der erste Teil unserer zweigeteilten Bibel und damit auch Gründungsdokument unseres christlichen Glaubens. Auf die bleibende Bedeutung spielt die Überschrift aus dem Römerbrief an, dass nicht wir die Wurzel tragen, sondern sie uns und in den Bund der bleibender Erwählung Israels auch sich die Christen mit hineingenommen wissen dürfen.

Und tatsächlich ist das Christentum ja als eine der messianischen Strömungen aus dem vielgestaltigen Frühjudentum der Zeitenwende herausgetreten. Mit dem sich daraus ebenfalls zu dieser Zeit herausbildenden rabbinischen Judentum ist es nach einem komplizierten Prozess schmerzhafter Trennung, aber auch gegenseitiger Beeinflussung, nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 n.Chr. einer der Erben und Träger der biblischen Geschichte und des biblischen Bundes geworden.

Worin Juden und Christen sich unterscheiden ist die Person Jesu, welche die Kirche als den Christus, den Messias bekennt. Jesus selbst wuchs mit der Schrift Israels heran, identifizierte sich mit ihnen und interpretierte sein Handeln und Verkünden in der Heilstradition mit den Begrifflichkeiten und Vorstellungen, die darin enthalten sind. In der Emmaus-Geschichte, bereits nach Ostern, wird es ganz deutlich, wo er sich selbst von der Schrift Israels her interpretiert und damit auch die Kontinuität zwischen der Schrift und sich herstellt:

„Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24)

Christus ist also auch christlich nur aus dem Alten Bund, der Erstzusage Gottes an das Volk Israel her verstehbar, dem das Neue Testament entfaltend hinzukommt.

Die Fastenzeit mit dem Ruf Christi nach Umkehr und Neubesinnung, welcher ganz zu Beginn des Evangeliums, des Neuen Testaments steht und eine Grunddimension kirchlichen Lebens sein will, mag daher auch Anlass sein, diese alttestamentlichen Schriften wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die dortigen, teils sehr schönen Geschichten für sich selbst neu zu entdecken. Fastenzeit bedeutet ferner aber auch Buße und wir dürfen nicht vergessen, dass gerade durch die große Nähe und die schmerzhafte Trennung der beiden Schwestern, Christentum und Judentum, es auch zu erbitterter Rivalität und Feindschaft der beiden gekommen ist welche einen christlichen Antisemitismus, hervorbrachte, der nicht nur in den Juden „theologisch“ das verworfene Volk Gottes sah, sondern auch zum Nährboden für die totalitären und vernichtenden Rassenideologien des 20 Jahrhunderts werden konnte. So ist der Tag des Judentums gerade in der Fastenzeit auch ein Tag, in der die Kirche Buße tut und umkehrt. Ich zitiere dazu aus dem Schreiben der Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission (JRGK) der Schweizer Bischofskonferenz:

„Sie (die Kirche) sucht Versöhnung auch mit der Schuld, die sie in Bezug auf das jüdische Volk in Wort und Tat auf sich geladen hat. Nur so kann sie guten Herzens auf Ostern zugehen und verstehen, was Jesu Abschiedsmahl, sein Leiden und seine Auferstehung wirklich bedeuten. Diese Ereignisse geschahen in den Tagen von Pessach und erhalten einen Teil ihrer Bedeutung aus diesem Fest, an dem die jüdische Tradition die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens feiert“.

Wieder kann man die enge Verzahnung der christlichen mit der jüdischen Glaubensüberlieferung feststellen, welche die Verwiesenheit auf den ersten Bund sichtbar macht.

Sicher ist, dass die Weggemeinschaft von Juden und Christen, aller bleibenden und legitimen Unterschieden in unserem Bekenntnis zu Gott zum Trotz, ein Anliegen des Glaubens und des Gebetes ist und bleibt. Juden wie Christen glauben schließlich an den einen, allmächtigen und barmherzigen Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, woher auch das gemeinsame Verständnis für die Würde und den Wert jedes einzelnen menschlichen Lebens resultiert.

Geteilt wird auch die Verantwortung für diese Welt, für die Bewahrung der Schöpfung und den Einsatz für gerechte Lebensverhältnisse. Deshalb endet auch die Gesprächskommission (JRGK) mit der Feststellung und dem Wunsch:

So suchen Christen und Christinnen heute ein vertieftes Verstehen des Judentums. Ein friedvolles, sich gegenseitig wertschätzendes und geschwisterliches Verhältnis ist allen katholischen Gläubigen aufgetragen“.

Diesem Appell kann man sich, denke ich, nur anschließen und ich möchte mit der Überschrift meines Beitrags schließen, dass uns als Christen bewusst sei: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“. (Röm 11,18)