Impuls in der Fastenzeit

Jeden Morgen weckt er mein Ohr

Rede Herr, dein Diener hört.
Rede Herr, durch die Freuden des Alltags.
Rede Herr, durch die Mühen des Tages.
Rede Herr, durch meine Wunden.
Rede Herr, durch dein Wort.
Rede Herr, und lass mich hören jeden Tag.

Die Bibel erzählt die Geschichte eines Jugendlichen namens Samuel. Seine Geburt war die Frucht des inständigen Gebetes seiner Mutter Hanna. Hanna war unfruchtbar und sie fühlte sich deswegen von Gott verlassen und verstossen. Sie wusste aber, sich diese Situation zunutze zu machen. Sie gab sich damit nicht zufrieden, sondern schrie inständig und täglich zu ihrem Gott. Und Gott erhörte sie. Sie gebar einen Sohn, Samuel. Hanna wusste vom Anfang an, dass ihr Sohn ein Geschenk Gottes ist und weihte ihn Gott vom ers-ten Augenblick seines Daseins. Samuel lebte schon seit seiner Jugend im Tempel und war im Dienst des Propheten Eli. Gott hatte sich Samuel aber noch nicht offenbart.
Eine Nacht hörte Samuel eine Stimme, die ihn ruft. Er meinte, Eli sei es. So ging er zum Propheten, um nachzusehen, was er für ihn tun könne. Dieser schickte ihn wieder schlafen. Dies wiederholte sich dreimal, bis der Prophet Eli merkte, dass es wohl Gott sein musste, der den jungen Samuel rief. Er gab dem Knaben die Anweisung: „Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört.“ (1 Sam 3,9) Und Samuel tat genauso. Dies wurde der Beginn der Liebesgeschichte zwischen Samuel und seinem Gott.

Die Fastenzeit steht immer unter den Vorzeichen von Umkehr, Askese und Fasten. Es ist eine Zeit, um das eigene Leben zu überprüfen, Unnötiges beiseitezulegen, um sich so wieder auf das Wesentliche kon-zentrieren zu können. Das Ziel der Fastenzeit ist eine neue Offenheit für Gott. Die Geschichte des Propheten Samuel lehrt uns, dass die Gottesbeziehung – ähnlich wie jede andere Beziehung – mit dem Hören beginnt. Jeder von uns weiss aber, wie schwer es ist, die Stimme Gottes aus dem Lärm des Alltags herauszuhören. Denn Gottes Stimme ist leise und sanft, nie aufdringlich und laut.

Gott, der sich sehnt, eine Beziehung mit uns einzugehen, weckt deswegen jeden Tag unser Ohr. Er lädt uns ein, auf seine Stimme zu hören. Wie spricht aber Gott zu uns? Hauptsächlich durch sein Wort, das Jesus selber ist. Er redet zu uns durch die Worte der Heiligen Schrift und durch die Worte seiner Propheten, auch die Heiligen, die sich durch alle Jahrhunderte hindurch geöffnet haben für ihn. Gott redet aber auch eine noch innigere Sprache: Er spricht zu jedem Menschen durch das Gewissen. In diesem Heiligtum im Herzen eines jeden Menschen lehrt er Gutes zu tun und Böses zu meiden. Und schliesslich spricht Gott durch die Ereignisse der Geschichte.

Viele Menschen sagen mir, dass sie Gottes Stimme nicht hören. Sie behaupten, Gott würde nicht zu ihnen reden. Angesichts dieser Feststellung, erlaube ich mir manchmal, eine Frage zu stellen: Ist es Gott, der nicht redet, oder sind es wir, die nicht hören? Danach wird mein Gegenüber meistens still, und beginnt darüber nachzudenken. Hin und wieder hilft dann mein Ratschlag, sich Zeiten der Stille in den Alltag einzu-bauen.

Gott redet zu Samuel in der Nacht, während er im Schlaf versunken ist. Wenn die Dunkelheit die Geräusche und die Hast des Tages dämpft. Im Schweigen weckt Gott Samuels Ohr. In der Stille hört Samuel Gottes Stimme. Aus dem Hören erwächst Samuel die Kraft, sich auf Gottes Gegenwart einzulassen. Aus dem Hören kommt der Glaube, wie Paulus der Gemeinde in Rom schreibt. Aus dem Glauben wächst die tätige Liebe. Und nur die Liebe lässt uns Gott finden, der Liebe ist.

Wecke jeden Morgen mein Ohr, und dann rede, Herr: denn dein Diener hört!

Vikar Matteo Tuena